Eine vermeidbare Katastrophe

Am 29. Januar um 22.24 Uhr bei Hordorf, südöstlich von Magdeburg: Der Harz-Elbe-Express (HEX) und ein Güterzug der Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter stoßen frontal zusammen. Der Personenzug wird aus den Gleisen geworfen und zertrümmert. Zehn Menschen sterben, auch der Lokführer des HEX, von einer Familie bleibt nur ein zehnjähriges Mädchen am Leben. 23 Menschen werden verletzt. Aus Hordorf eilen Einwohner herbei und bergen mit Leitern Verletzte aus dem Wrack. War dieses Unglück nicht vermeidbar?
Eine vermeidbare Katastrophe

Bildquelle: Spiegel Online vom 01.02.2011

Noch-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) warnte gleich vor „vorschnellen Schuldzuweisungen“ und sein Parteifreund, Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wird noch deutlicher: „Das Unglück geht nicht auf das Versagen der Deutschen Bahn zurück.“ Gegen den Lokführer des Güterzuges laufen Ermittlungen des Staatsanwalts, aber nicht gegen die beteiligten Bahnunternehmen oder Aufsichtsbehörden. Nach dem Sprichwort: Den Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.

 

Peanuts für die Sicherheit

An der Unglücksstelle wird die Strecke eingleisig. Anscheinend hat der Lokführer des Güterzuges bei dichtem Nebel zwei Signale überfahren. Die Sicherungstechnik der Strecke war völlig veraltet. Weichen und Signale werden noch mit Drahtseilen vom Stellwerk gestellt.

Die Strecke ist nicht vollständig mit punktueller Zugbeeinflussung (PZB) ausgerüstet. PZB ist schon seit Jahrzehnten erprobt und bremst Züge bei Überfahren eines Haltesignals automatisch ab. Die Loks sind dafür ausgerüstet, es fehlten aber die Gleismagnete.

Sprecher der DB weisen alle Vorwürfe mit dem Argument ab, PZB wäre erst ab 100 Stundenkilometern Geschwindigkeit vorgeschrieben. Mit dieser Geschwindigkeit war der HEX allerdings unterwegs.

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft der Lokführer (GDL): „Die Kosten für diese Zugsicherungsanlagen sind Peanuts im Gegensatz zu den Investitionen in neue Hochgeschwindigkeitsstrecken und den Kosten, die ein solcher Unfall verursacht. Es geht hier schließlich um die Sicherheit im Eisenbahnverkehr und nicht darum, ob Zugsicherungsanlagen gesetzlich vorgeschrieben sind oder nicht.“

Professor Edmund Mühlhans, TH Darmstadt, Eisenbahnexperte: „Aus meiner Sicht spielt die drastische Sparsamkeit der Deutschen Bahn eine entscheidende Rolle. Dieses Unglück hätte nicht passieren müssen.“ (Spiegel-Online vom 31.01.11)

Bereits 1996 war das Bundesverkehrsministerium zu dem Ergebnis gekommen, dass alle eingleisigen Strecken mit PZB ausgerüstet werden müssen. Trotzdem gab es im Jahr 2008 immer noch 1.700 Kilometer eingleisige Strecke ohne PZB, zu 80 Prozent in Ostdeutschland.

 

Im Halbschlaf unterwegs

Bei „Report Mainz“ berichtete am 14.02.11 ein Lokführer eines privaten Bahnbetreibers über Fahrzeiten von bis zu 23 Stunden ohne Pause: „Viel Kaffee, Fenster auf, auch wenn Minusgrade draußen sind, kalte Luft rein. Man bleibt aber nicht immer wach. Man nickt vor sich hin, versucht krampfhaft die Augen aufzuhalten. Man hört die Hupe, bedient die kurz, schläft weiter.“

Die fortschreitende Privatisierung im Bahnverkehr erhöht die Unfallgefahren. 300 Bahnbetreiber stehen in Konkurrenz um Aufträge im Güterverkehr. Zunehmend werden Zeitarbeiter als Lokführer eingestellt. Die stehen besonders unter Druck und machen entsprechend Überstunden. Im Jahr 2009 gab es laut „Report Mainz“ bundesweit 350 Signalüberfahrungen, also fast jeden Tag eine Zuggefährdung!

Artikelaktionen